Diesen Leserbrief verfasste ich am 11.05. diesen Jahres als Reaktion auf den Kommentar "Ein gerechter Krieg" (kein Fragezeichen) von Matthias Matussek, erschienen am 03.05.2010 in Heft Nr. 18 auf Seite 34, und sandte ihn an den "Spiegel". Sie haben ihn nicht gedruckt, glaub' ich
. Also steht er jetzt (trotzdem) hier
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Sehr geehrte Damen und Herren,
mit großem Interesse las ich den Beitrag von Matthias Matussek in der letzten Ausgabe des "Spiegels". Dieses Interesse erwuchs nicht so sehr aus dem Gemisch aus mehr als dürftiger, streckenweise sachlich falscher Argumentation (es stimmt zwar, dass die "bellum iustum"-Lehre seit der Antike besteht, die Frage aber ob tatsächlich je ein sogenannter "gerechter Krieg" geführt wurde, ist in der Literatur sehr umstritten und kann höchstens mit dem Rückgriff auf eine extraterrestrische Autorität, vulgo"Gott", abschließend beantwortet werden), Verdrehung der Tatsachen (es ist das Christentum, insbesondere das evangelikale US-amerikanischer Prägung, das qua Auftrag missionieren muss und will, nicht die Linken) als vielmehr aus der offensichtlichen Kriegspropaganda die er in Ihrem Magazin betreiben darf.
CIA
Da ich Herrn Matussek durchaus für einen vernunftbegabten Menschen mit einem gewissen Erinnerungsvermögen halte, kann ich mir nicht vorstellen, dass er den Grund für den Krieg in Afghanistan schlicht vergessen hat: Vergeltung bzw. "Selbstverteidigung" der "Koalition der Willigen" für die Anschläge vom 11.09.2001, unter Bezugnahme auf Artikel 5 des NATO Vertrages i.V.m. Artikel 51 UN-Charta. Wenn er diesen Grund nicht vergessen hat, dann verschweigt er ihn wohl absichtlich. Fragt sich warum.
Hypothese 1: er ist "kriegsgeil". In diesem Falle möchte man ihm anraten, sich unverzüglich freiwillig für einen Einsatz dort zu melden und der afghanischen Zivilbevölkerung seine Weisheit kundzutun.
Hypothese 2: Er ist wirklich überzeugt von dem, was er schreibt. In diesem Falle möchte man dem "Spiegel" anraten einen neuen Lohnschreiberling zu rekrutieren.
Hypothese 3: Er schreibt im Auftrag. Nach dem ich kürzlich auf der Webseite www.wikileaks.org ein Dokument der CIA mit dem Titel "Afghanistan: Sustaining West European Support for the NATO-led Mission—Why Counting on Apathy Might Not Be Enough" entdeckte, erscheint mir diese Hypothese als die wahrscheinlichste. Herr Matussek setzt nämlich die dort gemachten Vorschläge konsequent um. Die Tatsache, dass er diesen Völkerrechtsbruch der US-Amerikaner und die deutsche Unterstützung desselben in einen "fairen Beitrag innerhalb der internationalen Gemeinschaft" umfälscht, sowie dies ungestraft in Deutschlands renommiertesten Nachrichtenmagazin tun darf wirft indes ein fahles Licht der Schande auf den "Spiegel".
Und wirft nun folgende Frage auf: Wird Herr Matussek oder sogar der "Spiegel" von der CIA oder einer US-amerikanischen oder deutschen Regierungseinrichtung, direkt oder indirekt, für seine Propaganda finanziell, personell und/oder materiell "unterstützt"? Und daran anschliessend: Ist gar Herr Matussek ein heimlicher CIA-Agent, der kostenlos dem "Spiegel" seine Ergüsse feilbietet und dafür gedruckt wird?
Mit Blick auf das Verhältnis der USA zur Einhaltung der Menschenrechte ist folgendes zu sagen. Dass eine demokratisch verfasste Nation wie die USA nach wie vor die Todesstrafe vollzieht; eine Kindersterblichkeitsrate in der schwarzen Bevölkerung nahe der des Entwicklungslandes Uganda hat; die Lebenserwartung ihrer afro-amerikanischen männlichen Bevölkerung unterhalb der eines chinesischen Bauern hält; sich weigert das Rom-Statut des Internationalen Strafgerichtshofes in Den Haag zu unterzeichnen; die Produktion von billigeren AIDS-Medikamenten in Afrika mit Blick auf den Schutz geistigen Eigentums verhindert, gleichzeitig aber von Bayer verlangt, Anthrax-Impfungen für US-Amerikaner (nach der Anthrax-Attacke) unter Marktpreis zu verkaufen; im Verdacht steht, gesunden Afrikanern das HI-Virus zu Testzwecken injiziert zu haben; Internierungslager für Kriegsgefangene ausserhalb ihres Hoheitsgebietes anlegt, und zusätzlich diese Gefangenen zwecks Umgehung der 3. Genfer Konvention und Anwendung von Folter als "feindliche Kombattanten" bezeichnet, dass sich also ausgerechnet diese Nation selbstlos im fernen Afghanistan für die Einhaltung der Menschenrechte einsetzen soll, kann man wohl getrost als schlechten Witz abtun. Dass Herr Matussek aber eben dieses behauptet ist an Zynismus kaum zu überbieten. Zumal, wenn dem so wäre, die USA und ihre willigen Verbündeten gleichfalls im Sudan, in Libyen, auf der gesamten arabischen Halbinsel, in Pakistan, und in Nordkorea, um nur einige Staaten und Regionen zu nennen, (die Crisis Group, Human Rights Watch und Amnesty International sind sicher gerne mit einer entsprechenden Liste behilflich) intervenieren müsste. Warum also ausgerechnet Afghanistan? Und Irak?
"Anti-Amerikanismus"
Das Suffix "-ismus" beschreibt eine Theorie oder Ideologie. Da ich mir unter "Amerikanismus" als Theorie nichts vorstellen kann, muss es sich wohl um eine Ideologie, wie z.B. den Kommunismus, handeln. Wenn nun weiter einer der Inhalte dieser Ideologie wäre, konstant gegen völkerrechtliche Normen zu verstoßen, wie es die USA seit dem Ende des zweiten Weltkrieges tun (eine eindrucksvolle Liste militärischer Interventionen seit dem zweiten Weltkrieg findet sich beim "Friedensratschlag" der Uni Kassel), dann müsste sich wohl jeder Staat und jeder Mensch der sich zur universellen Geltung und den Grundsätzen des Völkerrechts bekennt des "Anti-Amerikanismus" schuldig machen.
Desweiteren würde sich jeder US-Amerikaner und jeder Bürger jeden Landes dieser Welt, der dem "Patriot Act" und anderen Folgegesetzen des 11.09.2001 in anderen Ländern skeptisch gegenübersteht, ebenfalls schuldig bekennen müssen, womit wir den "Amerikanismus" zur totalitären Staatsdoktrin erhoben hätten, mithin die USA nicht mehr als polyarche Demokratie sondern als Autokratie zu bezeichnen wäre. Wenn Herr Matussek also den "Amerikanismus" verteidigt, verrät er damit gleichzeitig die Grundsätze der polyarchen, pluralistischen Demokratie und eben auch elementare Menschenrechte die er eben noch vorgab zu verteidigen, wie z.B. das Recht auf freie Meinungsäusserung.
Herrn Matusseks Beitrag kann ich daher nur entnehmen, dass er 1. keine Ahnung von Genese und Beschaffenheit der "bellum iustum"-Doktrin hat; 2. dem Selbstbestimmungsrecht der Völker keine Bedeutung beimisst und von der Idee eines friedlichen Machtwechsels nichts hält, trotz gegenteiliger Beispiele; 3. das Völkerrecht als überflüssig erachtet bzw. den USA eine "Sonderrolle" zubilligt, d.h. einen Persilschein zu ungehemmten weltweiten Gewaltausbrüchen ausstellt.
Schade "Spiegel", denn gerade dieses Thema verdient eine sachgerechte, faktenorientierte, aufrichtige und ehrliche Auseinandersetzung. Mit einem Herrn Matussek haben Sie sich in dieser Hinsicht wohl keinen Gefallen getan.
Mit besten Grüßen
Florian Wagner.